2011: Rothaarsteig

Rothaarsteig – Der Weg der Sinne
vom 3. bis 10. Mai 2011

Rosi Gerlich: Der Rothaarsteig gehört zu den Top Trails of Germany und verläuft von Brilon im Hochsauerlandkreis in Nordrhein-Westfalen bis Dillenburg im Lahn-Dill-Kreis in Hessen. Er hat eine Länge von 154 km und insgesamt 3931 Höhen­meter. Interessierten empfehle ich einen Blick auf www.rothaarsteig.de. In wochen­langer Planung mit intensiver Internetrecherche hatte ich mich für die sportliche Variante über sechs Etappen entschieden mit Start in Brilon über Willingen, Winterberg, Jagdhaus, Lützel, Haincher Höhe bis Dillenburg. Mit Ab­stechern zu den Unterkünften bedeutete das durchschnittlich 27 km pro Etap­pe, also ganz schön anspruchsvoll. Nachdem ich in passenden Unter­künften Zimmer reserviert hatte, kam dieser Plan in den „Bergblick“, worauf sich sieben Mitglieder meldeten, mit mir gemeinsam meinen zweiten Top Trail zu gehen: Elisabeth Rohde, Heike Christiansen, Anne Schlemeier, Jutta und Peter Erichsen sowie Hildegard und Rainer Vollbehr.

Drei Wochen vor dem ersehnten Urlaub erlitt ich dann einen kleinen Unfall und zog mir einen Bandabriss am linken Sprunggelenk zu. Und nun? Ich schlief eine Nacht darüber und entschied dann am folgenden Tag, meine Mitwan­derer zwar alleine wandern zu lassen, sie aber mit einem Pkw zu begleiten. Die Disziplin „Auto-Wandern“ war geboren und damit gleichzeitig mehrere Probleme gelöst: Erstens musste ich nicht ganz auf meinen Urlaub verzichten. Zweitens hatten Jutta und Peter ihr Auto bei sich und mussten es am Ende der Tour nicht am Ausgangsort abholen. Drittens konnte ich den Gepäcktransport übernehmen und somit erhebliche Kosten für die ganze Gruppe einsparen.

Am Morgen des 3. Mai startete ich dann mit Heike und Elisabeth am Bahnhof in Flensburg, in Tarp stieg Anne hinzu und in Schleswig noch Hildegard und Rainer. Mit Umsteigen in Hamburg, Kassel und Gießen erreichten wir am Nachmittag Brilon, die waldreichste Stadt Deutschlands. Hier wurden wir von Jutta und Peter empfangen, die über einen Umweg hierher gekommen waren. Nun waren wir komplett, lachten mit der Sonne um die Wette und freuten uns auf die bevorstehenden Wanderungen und ich auf einige entspannte Tage mit Lesen, Sudoku, Kaffee trinken, Eis essen und Spaziergängen in der Umge­bung. Während der Tour suchte ich Stellen, wo die Straße dem Wanderweg nahe kam, fuhr dorthin und traf mich mit der stets bestens gelaunten Gruppe, um mit ihr gemeinsam eine Pause zu machen. Jeden Nachmittag freute ich mich auf das Wiedersehen und war gespannt auf die Erzählungen. Die Abende verbrachten wir überwiegend gemeinsam bei einem leckeren Essen. Nach der letzten Etappe erwartete ich meine Mitwanderer am Kilometerstein  154 mit einer kühlen Apfelschorle und spendierte jedem ein Original Rot­haarsteig-Stamper, gefüllt mit einem köstlichen Kräuter-Halbbitter.

Diese Wanderwoche war für mich erholsam und erlebnisreich. Ich lernte bei schönstem Sommerwetter eine herrliche Landschaft, schöne Orte mit alten Fachwerkhäusern, in Willingen die größte Skisprung-Großschanze der Welt, in Winterberg die Panorama-Erlebnisbrücke über der Weltcup-Bobbahn und in Dillenburg den Wilhelmsturm kennen. Und nun freue ich mich auf den dritten Top Trail of Germany, der für September 2012 geplant ist.

Heike Christiansen: Rothaarsteig – der Weg der Sinne, er wurde für uns zum Rennsteig; täglich mal 25 mal 33 km bis zur nächsten Unterkunft. Das ist nicht wenig und musste geschafft werden. Aber der Reihe nach: Der erste Stopp auf unserer Hinreise war Hamburg Hauptbahnhof. Es war lausig kalt auf dem Bahnsteig. Wir hatten ca. 45 Minuten Aufenthalt und gingen nach oben in eines der Cafés, um uns mit einem Pott Kaffee aufzuwärmen. Ich brauchte irgendwie meine Brille, die ich in eine Innentasche meiner Fleecejacke gesteckt hatte. Das große Suchen begann – keine Brille, stattdessen entdeckte ich einen fingerbreiten Schlitz in dieser Innentasche. Die Brille war also rausgerutscht. Erst war ich entsetzt, es war meine Gleitsichtbrille, dann dachte ich, so ein Mist – das viele Geld für eine neue, aber was solls. Ich sagte es den anderen: Ja, dann geh doch noch mal los und gucke nach, vielleicht hast du ja Glück. Na gut, ich ging suchenderweise den gleichen Weg zurück. Als ich am Bahnsteig ankam, fragte ich einen vom Putzpersonal: Haben Sie zufällig eine Brille gefunden? Der strahlte mich an und antwortete: Ja. Ich konnte es kaum glauben. Ein Passant hatte meine Brille auf dem Boden liegen sehen und sie auf das Gestell mit den Müllbeuteln gelegt. Dort hatte der Putzmann sie entdeckt und an der Information abgegeben. Ich war überglücklich und rannte zur Info. Siehe da, dort lag das gute Stück – unversehrt. Mir fiel ein Stein vom Herzen, somit hatte ich ja wieder viel Geld gespart. Es geschehen doch noch Wunder. So konnte ich die sechs Tage Wandern unbeschwert genießen und war immer wieder überrascht über meine Kondition. Ich hatte vorher fleißig trainiert, und jetzt wollte ich es wissen. Es hat sich ausbezahlt. Selbst Steigungen von über 20 % hab ich souverän geschafft. Jetzt weiß ich, dass ich für die nächsten Trekkingtouren genügend Kraft und Ausdauer habe, dass ich total fit bin. Das ist doch eine schöne Erkenntnis – oder?

Jutta Erichsen: Mein Bericht beschränkt sich auf den Anreisetag, in unserem Fall mit dem Auto, da wir nach der Wanderung noch unsere Kinder besuchen wollten. Brilon empfängt uns mit einer Vielzahl von Einbahnstraßen. Wir finden einen Parkplatz und machen uns auf den Weg zum Marktplatz, der nach wenigen Minuten erreicht ist. Da wir den Zettel mit dem Namen des Hotels im Wagen liegengelassen haben, steuern wir das einzige Hotel am Marktplatz an. Dort wird uns aber mitgeteilt, dass es keine Reservierung für den DAV oder Frau Gerlich aus Flensburg gibt. Auch meine Frage, ob es sich um die Adresse „Am Marktplatz 15“ handelt, wird verneint. So verunsichert machen wir uns auf die Suche nach einem Hotel in der Marktstraße. Dort finden wir weder die Nr. 15 noch ein Hotel. Nach einem Anruf bei Rosi, die im Zug mit den anderen Wanderern anreist, wird uns das Hotel Starke, Am Marktplatz 15 bestätigt. Wir also wieder zurück zum Hotel. Dieses Mal ist der Chef persönlich am Emp­fang, und wir bekommen ein großes Zimmer. Schön restaurierte Häuser, der Beginn des Rothaarsteiges direkt vor der Tür und letztendlich ein super Früh­stück entschädigen uns für den verkorksten Empfang. Bei bestem Wetter haben wir alle eine anstrengende, interessante und schöne Wanderung erfolg­reich beendet.

Elisabeth Rohde: Der Rothaarsteig verläuft durch ein Waldidyll von un­übersehbarer Ausdeh­nung: Am Beginn in der wald­reichsten Stadt Deutschlands, der ehemaligen Han­se­stadt Brilon, die seit 2000 anerkannter Kneipp-Kurort ist, ließen uns in ihrer Umgebung interessante Pflanzengesellschaften, wie z. B. aus­gedehnte Aron­stab-Populationen, kaum voran­kom­men. Bald er­reich­ten wir die Möhne­quelle als Aus­gangspunkt des größten Nebenflusses der Ruhr und die erste von zahlreichen Quellen bedeutender Flüsse, die wir auf unserer Tour durch das Sau­er­land in Nordrhein-Westfalen passierten. Vermuteter Ursprung des Na­mens „Sauerland“ kann das niederdeutsche Wort „sur“ = schwierig, früher hier schwierig zu reisen, bedeuten bzw. kann auch der Ursprung von „Süderland“ sein, also Gebiete, die südlich der Ruhr liegen. Die dominieren­den Gesteinsarten im Sauerland stammen aus dem Devon und sind Kalkstein und Schiefer. Entsprechend den lokalen Fundorten, wurde der Schiefer neben Fachwerk (Holzreichtum) zusätzlich zur Verkleidung der Häuser, z. T. in künst­lerischer Verarbeitung und als Schieferdächer ver­wendet.

Das Jahr 2011 wurde von den Vereinten Nationen als Internationales Jahr der Wälder gekürt. Seit 1984 leistet der DAV Beiträge unter dem Motto „Aktion Schutzwald“. Deutschland ist zu mehr als ein Drittel mit Wald bedeckt, Le­bens­raum für eine unendliche Zahl von Pflanzen- und Tierarten. Die sportliche Nutzung des Waldes darf keinen Schaden an der Pflanzenwelt anrichten, Tiere nicht beunruhigen. Wald ist Wasserspeicher, kann somit vor Hoch­was­ser schützen, ist Schattenspender, beugt Erdrutsch- und Lawinengefahr vor. Das Problem „Fichtenmonokultur“ und ihre Sensibilität gegenüber Orkanen, wie z. B. „Kyrill 2007“, konnten wir an vielen Orten beobachten. Das Bruchholz wurde teilweise künstlerisch als  Mahnmal gestaltet. Der Windbruch hatte für den Wandersteig aber auch positive Aspekte: Der dichte Baumbestand mit mächtigen Fichten ließ vorher kaum freie Blicke ins liebliche  Mittel­gebirgs­vorland zu. Die staatlichen Aufforstungen favorisieren den windresistenteren Mischwald, trotzdem fallen immer wieder reine Fichtenschonungen oder Weih­nachtsbaum­anpflanzungen auf. Es sind privat geführte Bewirtschaftungen. Hier hofft man auf das schnelle Heranwachsen der Fichte als Nutzholz ohne große Ansprüche an den Boden. Allerdings ist der Boden unter den Fichten steril, d. h. wegen des Lichtmangels fehlt es an einer vielartigen Pflanzen­decke, wie wir sie im Mischwald kennen.

Besonders ein­la­dend sind am Steig die zahl­reichen phan­ta­sievoll aus­­gestat­te­ten Rast­plät­ze mit be­que­men Holz­lie­gen oder Schau­keln nach Art von Hän­ge­matten, mit hoch­bei­nigen Tischen und Bän­ken sowie Schutz­hüt­ten, die auch den Win­ter­sportlern sinn­vol­len Platz bieten. Sehr in­struktiv die vielen lehr­reichen Hinweis­tafeln zu Natur, Quell­flüssen, Grenz- und Sprach­regio­nen, Historie, Tier- und Pflanzenwelt. Wir konnten die schon selten gewordene Blindschleiche und kurz vor Dillenburg eine stattliche Kreuzotter beobachten. Auffallend die ausgedehnten Heidelbeerflächen, deren massive Blüte eine reiche Ernte verspricht. Lediglich auf dem Kahlen Asten war das Heidelbeer­kraut erfroren oder vertrocknet.

Bei etwas mehr Muße auf dem Wanderweg, wie es auch von den Rothaar­steig-Rangern empfohlen wurde, hätte sich sicher noch mehr beobachten lassen, aber wir haben glücklich und erfüllt mit vielen neuen Eindrücken unser Ziel erreicht, täglich treulich umsorgt von Rosi, deren lädierter Fuß ein Mit­wandern nicht zuließ.

Hildegard Vollbehr: Rosi Gerlich hatte für die Mitglieder der DAV-Sektion Flensburg eine Wande­rung über den gut ausgeschilderten Rothaarsteig ausgearbeitet und vorberei­tet, an der Jutta und Peter, Rosi, Elisabeth, Heike, Anne, Rainer und ich teil­nahmen. Die Tour fand zur schönsten Wanderzeit des Jahres statt. Das frische Grün, die vielen Blüten und Düfte, dazu bestes Wanderwetter, viele atemberaubende Ausblicke – eben ein Weg für die Sinne. Sechs Wandertage, insgesamt etwa 160 km und 3.931 Meter auf und ab von Brilon über Willingen, Winterberg, Jagdhaus, Lützel, Haincher Höhe bis Dillenburg, waren vorge­sehen. Rosi hatte die sportliche Variante für uns gewählt. Zum Glück hatten sich alle Teilnehmer gut vorbereitet, und die bei allen vorhandene gute Kondi­tion und auch die gute Stimmung hielten bis zum letzten Wandertag an.

Manchmal sangen wir sogar, so dass entgegenkommende Wanderer sicher dachten, hier ist ein Gesangverein unterwegs. Auch wurden mit viel Sach­kenntnis die Namen der Pflanzen bestimmt. Alle wussten ziemlich gut Be­scheid. Ich werde mir demnächst ein Pflanzenbuch kaufen, um diese Bil­dungs­lücke zu schließen. Uns fiel auf, dass die Dächer und zum Teil auch die Wände der Häuser am Rothaarsteig mit Schieferplatten versehen und der Rest der Wände alle einheitlich weiß angestrichen waren. Das sah wirklich gut aus. Die Blaubeersträucher haben in diesem Jahr viele Beeren angesetzt. Die Sommerwanderer werden sich freuen. Es gab immer wieder viel zu sehen und zu bestaunen: z. B. eine 500 Jahre alte Linde, eine Vogeluhr, Insektenhotels  und die Quellen der Möhne, Ruhr, Lenne, Eder, Lahn, Ilse und Dill. Auch an der Millionenbank kamen wir vorbei, womit aber nicht die HSH-Nordbank gemeint ist, sondern eine etwas ältere Holzbank. Die höchste Erhebung war der 841 m hohe Kahle Asten mit einer Wetterwarte.

Im Januar 2007 hat der Orkan Kyrill viele Fichten und Buchen umgeweht, so dass die Wanderer seitdem viel bessere Ausblicke in die Umgebung und auf die in der Nähe liegenden Dörfer und Städte haben. (Kein Nachteil ist so groß, dass nicht ein Vorteil dabei ist!) Großartig fanden wir die Kyrill-Köpfe, die der Bildhauer Bernd Moenikes mit einer Kettensäge aus Baumstümpfen gearbeitet hat (siehe Foto).

Kyrill-Köpfe von Bildhauer Bernd Moenikes

Neben einer ziemlich mitgenommenen aus Holz geschnitzten Skulptur „Adam II“ von Nadine Rosani lasen wir:

„Stolz wähnt sich der Mensch erhaben über Natur und Elemente. Aber durch sein kurzsichtiges Handeln beraubt er sich seiner Lebensgrundlagen und höhlt sich selbst aus. Diese Skulptur mahnt zur Rückkehr, zum Einklang und Respekt vor der Natur. Sie soll ein Gedanken­anstoß sein, ab und zu einen Blick zurück zu werfen, unser Handeln zu prüfen und uns bewusst zu sein, unser eigenes Schicksal selbst in der Hand zu haben.“

Diese Zeilen stimmten uns nachdenklich, denn sie haben nach wie vor ihre Gültigkeit. Nach dem Sturm sind viele Aufräumarbeiten und Neuanpflan­zungen notwen­dig geworden. Mit großen Maschinen wurden riesige Stämme aus dem Wald gezogen und an die Straße gelegt. Es ist kaum vorstellbar, dass diese Arbeit einmal ein Ende findet. Es war immer wieder eine Freude, uns auf den Waldsofas auszuruhen. Auch fanden wir oft hochbeinige Tische mit Stühlen – eine gute Gelegenheit, Brot­zeit zu machen. Wir rätselten, warum die Tisch- und Stuhlbeine so lang sind. Endlich klärte uns ein Rothaarsteig-Ranger auf: Die Wanderer sollen nicht nur die Seele, sondern auch die Beine baumeln lassen.

Rosi hatte prima Unterkünfte mit einem reichhaltigen Frühstück für uns ausge­sucht. Auch fanden wir immer eine gute Möglichkeit, zu Abend zu essen, so dass wir die Wanderung am nächsten Morgen gestärkt fortsetzen konnten. Mit der Bahn fuhren wir gut erholt und voller neuer Eindrücke nach Hause. Danke für Deine Fürsorge und Mühe, liebe Rosi!

Das Ziel in Dillenburg ist erreicht
Das Ziel in Dillenburg ist erreicht

gehe zum Seitenanfang

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Die nördlichste Sektion Deutschlands: Kaum Berge, dafür mehr Meer.