2011: Deutschland rundum

Rosi Gerlich:

Deutschland-Umwanderung von Horst und Helga Hinrichsen – Auf Grenzpfaden 5 637 km in 327 Etappen

Horst und Helga an der Flensburger Hafenspitze – dem Ausgangs- und Zielpunkt dieser Tour

Anmerkung: Für diesen Bericht stellte mir Horst seine ausführlichen Aufzeichnungen zur Verfügung, die ich hier in stark gekürzter Form wiedergebe.

„Irgendwie werden alle Probleme, manchmal auf eine ungewöhnliche und unglaubliche Weise, gelöst.“ Das sagten sich unsere Wanderfreunde Horst und Helga Hinrichsen, nachdem sich ihnen bei der Idee zur Deutschland-Umwanderung Fragen über Fragen stellten. Sie wollten Grenzeindrücke und Grenzerfahrungen erwandern und neben den Grenzen Deutschlands auch ihre persönlichen Grenzen sowohl in körperlicher als auch geistiger Hinsicht kennen lernen.

Und so wurde die im Herbst 1996 geborene Idee im Frühjahr 1998 in die Tat umgesetzt. Auf 327 Etappen erwanderten Horst und Helga insgesamt 5 637 Kilometer:

  • 764 km in 46 Etappen entlang der Flensburger Förde und der Ostseeküste bis nach Usedom,
  • 487 km in 26 Etappen entlang der polnischen Grenze bis nach Zittau,
  • 794 km in 49 Etappen entlang der tschechischen Grenze bis nach Breitenberg,
  • 1074 km in 61 Etappen entlang der österreichischen Grenze bis nach Bregenz,
  • 234 km in 13 Etappen entlang der Schweizer Grenze bis nach Basel,
  • 487 km in 26 Etappen entlang der französischen Grenze bis nach Perl,
  • 146 km in acht Etappen entlang der luxemburgischen Grenze bis nach Ouren,
  • 160 km in acht Etappen entlang der belgischen Grenze bis nach Aachen,
  • 616 km in 37 Etappen entlang der holländischen Grenze bis zum Dollart,
  • 460 km in 28 Etappen entlang der Nordseeküste und der Elbe-Südseite bis nach Hamburg,
  • 328 km in 20 Etappen entlang der Elbe-Nordseite und der Nordseeküste bis nach Siltoft und schließlich
  • 87 km in fünf Etappen entlang der dänischen Grenze bis zum Ausgangsort an der Flensburger Hafenspitze.

Mit der 327. und somit letzten Etappe über 15 km von Pattburg bis zur Flensburger Hafenspitze wird am 5. Juni 2011 eine grenzenlose Wanderung entlang der Grenzen zu zwei Meeren sowie neun Ländern erfolgreich abgeschlossen, die mit einer ungewöhnlichen und verrückten Idee und mit vielen Zweifeln vor 15 Jahren entstand. Deutschland auf Grenzpfaden erkunden – das bedeutete für Horst und Helga nicht nur, geografische, kulturelle, sprachliche und religiöse Grenzen kennen lernen, sondern auch deutsche Geschichte, durch die diese Grenzen auf meist unrühmliche Weise entstanden sind. Vor allen Dingen bedeutete es aber auch, ein Land kennen zu lernen mit vielfältigsten Landschaften, herrlichen Naturparks und Lebensräumen für Tiere und Pflanzen, mit historischen und modernen Städten und auch mit liebenswürdigen Menschen.

Ostsee: Im Frühjahr 1998 ging es also in Flensburg los und in vier Etappen an der Förde und in weiteren 15 Etappen der schleswig-holsteinischen Ostseeküste entlang. Dabei wurden die Schlei, der Nord-Ostsee-Kanal und die Schwentine überquert und 335 Stufen auf das 85 m hohe Marine-Ehrenmal in Laboe erklommen. Über die Ostseebäder und die Trave erreichten Horst und Helga Mecklenburg-Vorpommern und den europäischen Fernwanderweg Nr. 9, der sie von Travemünde über Wismar, Warnemünde, Fischland-Darss, Ahrenshoop, Stralsund, Greifswald, über die Insel Usedom bis nach Ahlbeck führte.

Polen: Ein Jahr später wurde die Wanderung an der polnischen Grenze entlang fortgesetzt, die durch die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen führte. Über den Oder-Neiße-Fahrradwanderweg ging es zunächst von Ueckermünde über Ried und Lockwitz bis zur Oder und durch den Nationalpark „Unteres Odertal“, weiter auf dem Oderdamm ins Oderbruck und vorbei an den Seelower Höhen. Bei Kietz-Küstrin wurde die Bundesstraße B1 überquert, die quer durch Deutschland bis zur holländischen Grenze verläuft, und in Frankfurt/Oder die Bundesstraße B5, die bis zur Grenze nach Dänemark führt. Nach der Überquerung des Oder-Spree-Kanals gelangten Horst und Helga an die Neisse und dort entlang in die Lausitz, das Land der Sorben. Von Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands, führte der herrlich romantische Wanderweg auch am östlichsten Weinberg Deutschlands vorbei bis nach Zittau.

Tschechei: Von den Zittauer Bergen ging es in das 800 m hoch gelegene Oberlausitzer Bergland, durch das Weißbachtal über Oybin nach Ebersbach, wo sich die drei Quellen der Spree befinden. Teils auf tschechischer Seite führte der Weg über Poustevna nach Sebnitz, weiter teilweise auf dem Europa-Fernwanderweg Nr. 3 bis nach Schmilka an der Elbe und somit zum Elbsandsteingebirge im Herzen der Sächsischen Schweiz. Nach Überquerung der Elbe war das Erzgebirge erreicht und nach weiteren fünf Etappen die Spielzeugstadt Seiffen. Über den Fernwanderweg der deutschen Einheit, der von Aachen bis Görlitz verläuft, führten die nächsten sieben Etappen über Oberwiesenthal zum Fichtelberg, der höchsten Erhebung Sachsens mit 1214 m, weiter über den 930 m hohen Aschberg nach Klingenthal im Vogtland. Von Schönberg über Bad Brambach und Bad Elster erreichten unsere Wanderfreunde schließlich das Dreiländereck Bayern-Sachsen-Böhmen und waren bei Oberzech nun in Bayern angekommen und gelangten auf dem Ostweg im Fichtelgebirge in die Porzellanstadt Selb. Nach Überquerung des Egers ging es über die Klosterstadt Waldsassen nach Neualpenreuth, wo auf dem 939 m hohen Tillenberg eine Granitsäule mit der Aufschrift „Mittelpunkt Europa“ steht. Inzwischen im Oberpfälzer Wald angekommen, ging es weiter über Waldmünchen nach Furth im Wald und vom Flusstal des Weißen Regens auf den 1453 m hohen Großen Arber im bayerischen Wald. Hier mussten Ende April 2004 noch mehrere Schneefelder überquert werden sowie die Berge Falkenstein, Großer Rachel und Lusen, bevor die Gipfel des Dreisesselberges erreicht wurden. Hier am Dreiländereck Deutschland-Tschechien-Österreich wurde am 1. Mai 2004 der Eintritt Tschechiens in die Europäische Union gefeiert, wozu Horst und Helga bei tschechischem Bier und Wurstspezialitäten eingeladen wurden.

Österreich: Inzwischen war das dritte Land erreicht und bald auch die Donau und sodann Passau, gefolgt von Inn und Braunau auf der österreichischen Seite, der Geburtsstadt eines der schlimmsten Diktatoren der Neuzeit. Vor dem Haus steht heute ein Mahnmal mit der Aufschrift: „Für Frieden, Freiheit und Demokratie und nie wieder Faschismus, Millionen Tote mahnen“. An der Salzach entlang gelangten Horst und Helga nach Oberndorf, berühmt für seine „Stille-Nacht-Gedächtniskapelle“ zur Erinnerung an den Textdichter Joseph Mohr und den Komponisten Franz Xaver Gruber, deren Lied „Stille Nacht – Heilige Nacht“ in mehr als 300 verschiedene Sprachen und Dialekte übersetzt wurde. Über Freilassing und Bad Reichenhall waren die Alpen erreicht und damit die Almbachklamm und Berchtesgaden. Weiter führte die Wanderung zum Obersalzberg, hoch zum Kehlstein, zum Jenner, über den Königssee bis St. Bartholomä. Unterhalb des Watzmanns führte ein serpentinreicher Wanderpfad zum Kärlinger Haus am Funtensee, dem kältesten Punkt Deutschlands, über Trischüberlpass, durch das Wimbachtal nach Ramsau und weiter in mehreren Etappen nach Reit im Winkel. Der grenzüberschreitende Wanderweg führte mal auf Tiroler, mal auf bayerischer Seite über Kufstein, den Inn überquerend auf die 1885 m hohe Rotwand. Über Wildbad Kreuth, Achenpass, Fall, durch das Karwendeltal nach Mittelwald ging es weiter durch die Leutaschklamm zum Ferchensee, dann zum Schachenhaus und schließlich zum Wettersteingebirge mit Garmisch-Partenkirchen. Durch die Partnachklamm über Knorrhütte war nun der mit 2962 höchste Berg Deutschlands, die Zugspitze, zu erklimmen. Über Eibsee, Reutte, Füssen, Neuschwanstein, Pfronten gelangten die Wanderer nach Oberstdorf, dann hoch zur Kemptner Hütte und wieder hinab durch das Lechtal nach Warth und schließlich zum Haldenwanger Eck, Deutschlands südlichstem Punkt. Von der Mindelheimer Hütte ging es auf dem Krumbacher Höhenweg zur Kanzelwand, zum Fellhorn, zum Freibergsee und durch die Breitachklamm wieder nach Oberstdorf. Hier wurde drei Monate später die Wanderung durch das Kleinwalsertal nach Balderschwang, durch den Bregenzer Wald über Lindau bis Bregenz fortgesetzt.

Schweiz: Von Bregenz ging es über den Fernwanderweg Nr. 5 am südlichen Bodenseeufer entlang, wo bei Hard zunächst der Rhein überquert wurde, der hier in den Bodensee fließt, weiter über Rheineck und Romannshorn, Kreuzlingen zu einem kleinen Abstecher nach Konstanz und schließlich in die mittelalterliche Kleinstadt Stein am Rhein. Die nächste Etappe führte nach Büsingen, diese Stadt ist deutsch, gehört aber zum Schweizerischen Zollgebiet und hat zwei Postleitzahlen. Über Schaffhausen mit seinem 150 m breiten Rheinfall gelangten Horst und Helga an das deutsche Rheinufer über Waldshut bis Bad Säckingen und erreichten nach 13 Tagesetappen entlang der Schweizer Grenze die Stadt Basel.

Frankreich: Immer am Rhein entlang ging es zunächst durch Baden-Württemberg über Bad Bellingen, Breisach, Kehl nach Karlsruhe. Nach einer Rheinüberquerung ging es durch Rheinland-Pfalz über Lauterburg, Wissembourg und Nothweiler nach Reinheim im Saarland bis nach Saarbrücken. In der saarländischen Grenzgemeinde Berus-Überherrn steht ein Europa-Denkmal, das den großen Europäern Robert Schumann (Frankreich), Konrad Adenauer (Deutschland) und de Gasperi (Italien) für ihr Wirken für Europa gewidmet ist. Ein Grenzwanderweg führt nach Perl an der Mosel. Auf der gegenüber liegenden Uferseite liegt die Stadt Schengen, wo 1985 das Schengener Abkommen unterzeichnet wurde, das auch Wanderern ermöglicht, grenzenlos zu gehen in einem Europa ohne Grenzen.

Luxemburg: An der Mosel entlang führte die Tour auf einem alten historischen Wanderweg durch bekannte Weindörfer nach Trier. Über Echternach wurde der Deutsch-Luxemburgische Naturpark durchquert und schließlich Vianden erreicht, eine kleine Stadt mit Luxemburgs einzigem Sessellift. Nach acht Etappen endete bei Ouren die Grenze zu Luxemburg.

Belgien: Weiter ging es in acht Etappen durch den Naturpark Südeifel, den ersten grenzüberschreitenden Naturpark in Europa. Hier wurden Horst und Helga mit der deutschen Vergangenheit konfrontiert, den Resten des Bollwerks Westwall, auch Siegfried Linie genannt. Auf einer Länge von 630 km sollte von Kleve bis Basel ein uneinnehmbares Bollwerk entstehen und feindliche Panzer aufhalten. Heute bieten die restlichen Trümmer und Bunkerruinen Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen. Über den Eifel-Ardennen-Steig wurde auch der Europäische Fernwanderweg Nr. 8 gequert, der von der Nordsee bis zum Bosporus verläuft, und schließlich Monschau erreicht. Die letzte Etappe an der belgischen Grenze führte von der Stadt Roetgen über Raeren zum Dreiländereck Deutschland/Belgien/Holland.

Holland: Die 616 km lange holländische Grenze wurde in 37 Etappen gemeistert. Start war auf dem Vaalserberg, mit 321 m die höchste Erhebung der Niederlanden,  und führte von Aachen, dessen Dom zu den UNESCO Weltkulturgütern zählt, über Kerkrade nach Isenbruch, wo der Grenzstein 309b den westlichsten Punkt der Bundesrepublik Deutschland markiert. Die Gemeinde Selfkant gehört neben List auf Sylt, Görlitz in Sachsen und Oberstdorf im Allgäu zu den vier „Zipfelgemeinden“ Deutschlands“, in denen als Zeichen der Verbundenheit ein „Zipfelpass“ ins Leben gerufen wurde, den man im Rathaus in Selfkant erhalten kann. Die weitere Wanderung führte zunächst zum Schnittpunkt des 51. Breiten- und des 6. Längengrades, wo eine Weltkugel an den berühmten Kartographen Gerhard Mercator erinnert, der in dieser Gegend geboren wurde. Danach ging es durch die Teverner Heide und die „Neutrale Straße“, deren Mitte die Grenze zwischen Deutschland und Holland bildet, wo also Holländer auf der einen und Deutsche auf der anderen Straßenseite wohnen. Durch das Naturerlebnisgebiet Swalmtal/Elmpter Bruch und durch das Nettetal gelangten unsere Wanderer an der Maas entlang wieder zum Rhein und schließlich nach Emmerich, die im letzten Weltkrieg mit 97 % die am meisten zerstörte Stadt Deutschlands war. Durch den Biotopwildpark Anholter Schweiz und das Naturgebiet Zwillbrocker Venn ging es weiter auf Zöllner- und Schmugglerpfaden nach Gronau und zum Dreiländersee (Holland, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen), durch das Wilsumer Moor, am Coevorden-Piccardie-Kanal entlang nach Twist, durch das Naturreservat Bargerveen und den internationalen Naturpark Bourtanger Moor ins Emsland. Nach einem Abstecher nach Papenburg, führte die Tour in die alte Festungsstadt Bourtange und über Borsum schließlich nach Bunde in der Emsmündung.

Nordsee: 28 Etappen führten zunächst durch Ostfriesland nach Emden, an den Jadebusen, die Weser, nach Cuxhaven und von Wischhafen nach Hamburg-Finkenwerder, wo durch den Elbe-Fußgängertunnel die Landungsbrücken in Hamburg erreicht wurden. Von dort ging es in 20 weiteren Etappen über Glückstadt, Brunsbüttel, Meldorf, Büsum, St. Peter und Westerhever nach Nordfriesland über Husum, Klanxbüll bis nach Siltoft an der dänischen Grenze.

Dänemark: Das neunte Land mit der kürzesten Grenze wurde in fünf Etappen von Siltoft über Rosenkranz, Aventoft, Jardelund bis Pattburg erwandert. Am 5. Juni 2011 findet schließlich diese großartige Tour ihren Abschluss mit der 327. und letzten Etappe von Pattburg über Krusau, Wassersleben bis zum Ausgangspunkt an der Flensburger Hafenspitze. Im Namen des gesamten Vorstands wünsche ich Horst und Helga ganz viele Begleiter und einen besonders sonnigen Tag zu ihrer grenzenlosen Abschlusswanderung. Mögt ihr unserer Sektion noch lange mit vielen guten Ideen, Tatkraft und ebenso grenzenlosem Humor erhalten bleiben.

Sektempfang für eine großartige Meisterleistung!

Horst (76 Jahre) und Helga (73 Jahre) sind seit 30 Jahren Mitglieder in der Sektion Flensburg des Deutschen Alpenvereins. Neben dieser grandiosen Deutschland-Umwanderung sind sie auch schon rund vier Millionen Schritte auf dem 2400 km langen Europäischen Fernwanderweg Nr. 1 von Flensburg nach Genua gegangen und haben unzählige Kilometer in vielen Ländern sowohl zu Fuß als auch mit dem Fahrrad erkundet.

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Die nördlichste Sektion Deutschlands: Kaum Berge, dafür mehr Meer.