Pikey Peak-Trek

Gerd Andresen:

Trek von Jiri (1995 m) zum Pikey Peak (4065 m) vom 21. bis 30. November 2015

Nachdem am 11. November fünf Mitglieder der Annapurna-Basecamp-Gruppe die Heimreise angetreten haben, bereiten Thomas Michael und ich die nächste Tour vor. Da wir nicht mit einer Trekkingagentur unterwegs sind, müssen wir uns um die Verlängerung unserer Visa und Genehmigungen selbst kümmern. Auch die Bustickets müssen besorgt werden. Auf Grund der Grenzblockade und dem daraus entstandenen Mangel an Benzin, fahren nur wenige Busse. Thomas ist von Anfang an skeptisch, was die Busfahrt betrifft. Busfahrten im Localbus sind nicht nur unbequem, es ist auch die gefährlichste Art, im Land zu reisen.

Nachdem alle Formalitäten erledigt sind, fahren wie am Donnerstag, dem 19.11.2015, nach Jiri. Wie schon vermutet, ist der Bus zu 100 % überfüllt. Anstatt 40 Personen, sind es mindesten 80, von denen die Hälfte auf dem Dach sitzt. Nach acht Stunden anstrengender Fahrt erreichen wir Jiri, der Wohnort von meinem langjährigen Träger-Führer-Wander-Freund Dawa. Wir werden sehr herzlich von Dawa und seinem Bruder Phurba in Empfang genommen. Zuerst gehen wir zu seiner Notunterkunft und begrüßen seine Frau und seine zwei Töchter. Nachdem wir Tee und Gebäck zu uns genommen haben, besichtigen wir den Ort. Am 25. April erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,8 Nepal, bei diesem Beben waren die Schäden in Jiri gering. Aber bei dem Nachbeben der Stärke 7,3 Lag das Zentrum nur ca. 80 km von Jiri entfernt. Die Ausmaße der Zerstörung sind verheerend, 80 % der Häuser sind zerstört oder nicht mehr bewohnbar. Tempelanlagen und Hotels gibt es nicht mehr. Aber trotz der Not geht das Leben weiter, und auch ohne Unterstützung von Seiten des Staates wird der Wiederaufbau betrieben.

Nachdem die von Dawa gepachtete Lodge zerstört war und er das meiste seiner Habe verloren hatte, wohnte er mit seiner Familie unter Plastikplanen. Als ich diese Bilder sah, wurde mir klar, dass seine Familie noch vor der Monsunzeit und dem Winter eine bessere Unterkunft benötigte. Mit Hilfe meiner Familie, Bekannten und Mitgliedern unserer Sektion war ich in der Lage, ihn finanziell zu unterstützen. Dadurch war es ihm möglich, für sich und seine Familie drei kleine Hütten zu bauen.

Aber zurück zu unserem Trek. Es gibt noch Einiges zu klären: Erst einmal wohin, wie lange und mit wem. Vorschlag von Dawa, zum Pikey Peak, zehn Tage Trek, und da Dawa Probleme mit den Knien hat, wird Phurba uns als Träger und Führer begleiten. Hört sich gut an. Wo ist der Pikey Peak? Keine Ahnung, also Karten studiert und tatsächlich den Hügel gefunden. Das sieht sehr nach Einsamkeit aus. Frage: Kennt Phurba den Weg? Antwort: Ja, er war vor elf Jahren schon einmal dort. Na, dann ist ja alles geklärt, und es kann losgehen.

Am Samstag den 21.11.2015 starten wir unseren Trek. Die ersten zwei Tage wandern wir auf bekannten Wegen. Es geht von Jiri (1995 m) über Shivalaya (1790 m) nach Bhandar (2190 m). Von Jiri geht es nicht, wie man vermuten könnte, bergab. Es geht erst 350 m bergan und anschließend 550 m bergab. Dies wird sich auch auf der ganzen Tour nicht ändern. Was sich ändert, sind die Höhenmeter, es sind mal mehr und mal weniger. Nach Bhandar verlassen wir die bekannten Wege und und begeben uns ins Ungewisse. Zunächst geht es durch grüne Felder und Wald hinab zum Likhu Khola (1200 m) (Khola = Fluss). Kaum sind wir unten, geht es auch schon wieder hinauf, und das bei ca. 25 °C, da fließt der Schweiß. Nach 6 ½ Stunden erreichen wir Namkheli (2400 m), unser Tagesziel. Die Lodge ist zerstört, und wir richten uns in einer Notunterkunft ein. Eine Dusche gibt es nicht, dafür aber ein gutes Dal Bhat Takari, das Nationalgericht, bestehend aus Dal (Linsensuppe), Bhat (Reis) und Takari (Gemüse). Der Tag war anstrengend, und so legen wir uns um 19:30 Uhr in unsere Schlafsäcke.

Montag, 23.11.2015

Heute geht es den ganzen Tag bergauf. Unser Tagesziel liegt auf einer Höhe von 3350 m.

Wir starten nach dem Frühstück um 08:30 Uhr. Zuerst geht es vorbei an Feldern und später durch einen schönen Wald. Die Bäume spenden Schatten, und so ist das Wandern, obwohl es anstrengend ist, angenehm. Der Wald wechselt vom Laub- zum Nadelwald, und ich merke beim Gehen die Höhe. Die Atemfrequenz erhöht sich merklich. Irgendwann öffnet sich der Wald, und wir gehen auf einem Hangrücken unserm Zielort entgegen. Der Ort Gnaur (3350 m) besteht aus drei Häusern. Das schönste Haus ist unsere Lodge, aber leider ist sie geschlossen, und so landen wir wieder in einer Notunterkunft. Hier treffen wir ein junges französisches Paar, das mit einer Agentur unterwegs ist. Sie gehen den gleichen Weg wie wir, nur in die entgegengesetzte Richtung.

Mittwoch, 25.11.2015

Heute wollen wir auf den Pikey Peak. Der Pikey Peak ist ein Aussichtsberg, von dem man einen herrlichen Blick auf die Schneeberge des Himalaya hat. Wir wollen zum Sonnenaufgang oben sein, und so stehen wir um 04:00 Uhr auf. Vor dem Anziehen gehe ich vor die Tür und stelle fest, dass zu dem Sturm, der die ganze Nacht um die Hütte geheult hat, auch noch eine dicke Wolkendecke hinzugekommen ist. Also schnell wieder in den Schlafsack und noch ein paar Stunden geschlafen. Nach dem Aufstehen beraten wir den weiteren Ablauf. Wir können einen Tag hier bleiben, und morgen den Anstieg versuchen, oder wir gehen weiter zum Basislager des Pikey Peak. Da das Basislager nur 300 m höher liegt, entscheiden wir uns für die zweite Variante.

Wir starten um 09:00 Uhr. Anfangs führt unser Weg wieder durch einen Wald, aber bald lassen wir den Wald hinter uns und wandern an einem Hang entlang zum Basislager, das wir bei bestem Wetter um 11:45 Uhr erreichen. Hier gibt es eine sehr schöne Lodge, und schon aus diesem Grund war unsere Entscheidung, hierher zu gehen, richtig. Nach dem Mittagessen gehen Thomas und ich zwecks Akklimatisierung den Hang in Richtung Pikey Peak hinauf. An einem großen Felsen, der uns Schutz vor dem Wind gibt, lassen wir uns nieder. Kurze Zeit später taucht Phurba auf. Wir beschließen, noch ein Stück höher zu gehen. Thomas will nicht weiter gehen, und so machen Phurba und ich uns auf den Weg. Auf jeder Kuppe, die wir erreichen, entscheiden wie noch bis zur nächsten zu gehen. Und so kommt es wie es kommen muss, plötzlich stehen wir in 4065 m Höhe auf dem Pikey Peak.

Die Aussicht ist umwerfend. Vor uns liegt die Skyline des Himalayas. Wir sehen Gauri Shankar (7135 m), Mount Everest (8848 m), Lhotse (8414 m), Lhotse Shar (8393 m), Makalu (8485 m) und ganz im Osten das gewaltige Massiv des Kangchenjungas (8586 m). Der starke Wind zerrt an unserer Kleidung und an meiner Brille und so begeben wir uns auf den Rückweg. Völlig zerzaust kommen wir an der Lodge an.

Donnerstag, 26.11.2015

Heute steht ein gemütlicher Wandertag ohne große Strapazen an. Es geht über einen moderaten Weg bergab. Maili, unser Tagesziel, ist sechs Stunden entfernt. Der Weg zieht sich sanft am Hang entlang. Nach drei Stunden wird Phurba unsicher, er weiß den Weiterweg nicht mehr. Wir suchen gemeinsam nach dem Weg. Wir entdecken eine Schotterpiste und entschließen uns, der Piste zu folgen. An einem Teehaus machen wir Rast. Thomas und ich starten, und Phurba folgt uns. Nach einigen Kurven warten wir auf Phurba, aber er taucht nicht auf. Wir beschließen, weiter auf der Strasse zu gehen. Plötzlich endet die Straße. Was nun, in der Karte ist die Straße nicht eingezeichnet, und auch sonst gibt sie nicht viel her. Wir beschließen, einem Pfad, der bergab führt, zu folgen. Nach ca. einer Stunde erreichen wir eine Ortschaft, hier frage ich nach dem Weg nach Maili. Die Auskunft gefällt mir nicht. Wir hätten an einer früheren Abzweigung die Straße verlassen sollen. Jetzt müssen wir runter bis zum Fluss, dann eine Stunde wieder Richtung Osten und zum Abschluss nochmal 400 Höhenmeter bergauf. Wir erreichen Maili im Dunkeln um 17:45 Uhr. Somit war aus einem gemütlichen Wandertag eine 9 ½-Stunden dauernde anstrengende Tour geworden. Die Unterkunft bestand aus zwei Räumen. Die Küche ist gleichzeitig Aufenthalts- und Schlafraum für die Gäste, im zweiten Raum schlafen die Gastgeber. Eine Toilette und Waschraum gibt es nicht.

Freitag, 27.11.2015

Die Nacht ist früh zu Ende. Die Wirtsleute stehen früh auf, und so machen wir uns um 08:00 Uhr auf den Weg nach Goli. Angeblich wieder ein „easy way“. Unser Tagesziel Goli soll eben um die Ecke liegen. Gleich am Start geht es runter zum Fluss, diesen überqueren wir auf einer Hängebrücke, am anderen Ufer geht es steil bergauf. Nachdem wir den Anstieg erklommen haben, gehen wir durch grüne Terrassenfelder, vorbei an einzelnen Bauernhöfen nach Goli, das wir nach vier Stunden erreichen. Den Nachmittag verbringen wir mit Körperpflege und relaxen, denn hier in 1760 m Höhe ist es angenehm warm.

Samstag, 28.11.2015

Was zum Entspannen angenehm ist, kann beim Wandern unangenehm werden. Heute geht es zurück nach Bhandar. Erst runter zum Fluss und dann wieder ca. 1000 Höhenmeter im Anstieg. Die Landschaft verändert sich kaum, und wir gehen schwitzend den Hang hinauf. Wir treffen in einem Dorf mit Straßenanbindung ein und sind zurück in der Zivilisation. Von hier erreichen wir in einer Stunde Bhandar. Wir gehen wieder in die gleiche Lodge wie auf dem Hinweg. Die Wirtin freut sich, uns wieder zu sehen.

Von hier geht es in zwei Tagen auf dem gleichen Weg, den wir gekommen sind, ohne große Probleme zurück nach Jiri. Hier treffen wir am 29.11.2015 zur Freude aller gesund und munter wieder ein.

Die Tour war trotz der widrigen Umstände durch das Erdbeben ein tolles und großartiges Erlebnis. Die Zerstörung der Häuser und die Not der Menschen haben mich berührt und betroffen gemacht.

Ich werde Dawa und seine Familie so gut es geht finanziell unterstützen. Besonders die Schul- und Berufsausbildung seiner Töchter werde ich fördern.

Wenn Leser dazu beitragen möchten, mich bei meinen Bemühungen zu unterstützen, würde ich mich freuen. Zu erreichen bin ich unter den Mail-Adressen:

  • wandern@dav-flensburg.de
  • Kemil89-erdbebenhilfe@yahoo.de

Gerd Andresen
Wanderwart der DAV Sektion Flensburg


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