Kranichzug

Elisabeth Rohde:

Kranichzug auf dem Darß
vom 10. – 17.09.2016

Eine spätsommerliche Woche mit einem Wetter, wie man es sich nicht herrlicher erträumen könnte. Tägliches Badevergnügen im Ostseewasser. Wir haben die Wahl zwischen dem breiten Sandstrand (Kulturstrand) an der nahen nördlichen Prerowbucht oder dem urigen, wildromantischen Weststrand des Nationalparks Darß, der nur zu Fuß oder mit Fahrrad (Distanz: 6 – 8 km) auf unbefestigten Wegen durch das ausgedehnte Mischwaldgebiet des Nationalparks zu erreichen ist. Obwohl man Kulturangebote am Weststrand vergeblich sucht, erstaunt die große Anzahl Liebhaber, die hier anzutreffen sind. Darßer Ort ist die nördliche Spitze der Halbinsel Darß. Hier findet sich ein künstlich angelegtes, geschütztes Hafenbecken, das ursprünglich den DDR-Grenzüberwachungsschiffen vorbehalten war. Heute liegt hier ein Schiff zur Rettung Schiffbrüchiger und ist Nothafen für Segelboote. Nach dem Parken der Fahrräder und Besichtigung der Hafenregion verfolgen wir einen etwa 5 km langen Wanderweg gen Süden durch Busch- und Heidelandschaft auf durch Flugsand neu entstandenem Land nördlich des Leuchtturms (ehem. Darßer Ort), zum Weststrand gehörend. Für einen Obolus von 8 € können der Leuchtturm bestiegen und das dazugehörige interessante Meeresmuseum besucht werden. Nur letztere Interessenten können auch das kleine angeschlossene Cafè besuchen. Die Wege am Weststrand, von den Fahrradparkplätzen zum Strand, wurden gen Norden durch feinen Sand immer breiter, am Leuchtturm schließlich um 200 m.

Die Halbinsel Darß unterteilt sich von Süden kommend in das Fischland mit den Orten Wustrow und der Künstlerkolonie Ahrenshoop, die durch auffällige Bauwut viel von ihrem Scharm verloren hat. Auf dem Kerngebiet des Darßes finden sich die noch recht ursprünglichen Orte Born und Wieck, boddenseitig gelegen und Prerow an der Ostsee. Einen dritten Darßanteil bildet der langgestreckte Zingst mit dem Badeort Zingst. Alle Orte sind mit dem Fahrrad entweder durch die Boddenwiesen oder durch den schattigen Laubwald des Nationalparks zu erreichen; natürlich auch mit dem PKW über die Bäderstraße.

Unser Hauptanliegen für die Terminwahl im Frühherbst galt dem Kranichzug. Die herrliche Badegelegenheit war glückliche Zugabe durch den unerwartet verspäteten Sommer, sogar mit selten milden Abenden bei uns im Norden!

Wo und wann kann man Kraniche beobachten? Es gibt viele gute Ratschläge: Romantische Fahrt in den Abend mit einem kleinen Ausflugsschiff durch den schmalen Prerowstrom, beobachtet von mehreren Graureihern, weiter in den weitläufigen Bodstedter Bodden. Halt am Schilfgürtel, dem Domizil der Mücken – wir in Wartestellung und die Mücken ebenso! Der Skipper nutzt die Zeit für Informationen zum Leben der Kraniche. Gegen 18:30 Uhr der plötzliche Ruf: “Sie kommen!“ In großer Höhe nähert sich von Süden ein schwarzer Streifen aus hunderten von Vögeln, die nach Nord-Osten abdrehen, angeblich zu ihrem Schlafplatz auf der Insel Kirr im Bodden vor Zingst. Möglicher Feind, der Fuchs, wird dort bejagt. Was wir aber viel intensiver beobachten können, sind Schwärme aus tausenden von Staren, deren kunstvolle Flugbilder wir bewundern. Beim Verlassen des Schiffes, wieder in Prerow, empfielt uns die Stewardess, es mit einem Pkw-Ausflug süd-östlich von dem Städtchen Barth zu versuchen, dort wurden Kraniche auf den Feldern beobachtet.

Unser erneuter Versuch ist ein voller Erfolg: Neben den Kranichen auf den Feldern, zusammen mit Graugänsen, haben wir vom nahe gelegenen Kranorama, von dem aus man beobachten kann ohne zu stören, eine unverstellte Sicht. Durch Fütterung mit energiereichem Mais stehen die Kraniche beständig in der Nähe. Zwei Rangerinnen beantworten bereitwillig alle Fragen. Zwischen Kranichen und Gänsen besteht eine Symbiose: Wenn Gänse Gefahren bemerken, warnen sie durch ihr lautes Schnattern die Kraniche.

Kraniche - beobachtet aus dem Kranorama
Kraniche – beobachtet aus dem Kranorama

Nur wenige Kilometer weiter östlich erreichen wir das Kranichzentrum Groß Mohrdorf. Neben einschlägiger Literatur, Kalendern, verschiedenen präparierten Vögeln der Region und statistischen Darstellungen über Kraniche, wird uns ein Video-Clip zur Kranichbiologie gezeigt. Hier, wie im Kranorama, werden keine Gebühren erhoben. Die Brutgebiete der Kraniche liegen in Skandinavien und im Norden Rußlands, ihre Überwinterungsgebiete in Frankreich und besonders Spanien, kaum noch im westlichen Nordafrika. Ein Teil fliegt über die Bosporus-Route nach Kleinasien. Als Folge der allmählichen Klimaerwärmung, werden immer wieder einzelne Paare das ganze Jahr in unseren Regionen beobachtet (z.B. auf der Birk!). Der Kranichzug kann also zweimal im Jahr, im Frühjahr und Herbst beobachtet werden. Der Zwischenstopp der Kraniche in Norddeutschland gilt dem Auffüllen ihrer Energiereserven für den langen Weiterflug. Mais liefert die meiste Energie. Die modernen Erntemaschinen hinterlassen kaum Verluste auf den abgeernteten Feldern. Wenn die Kraniche zu wenig finden, weichen sie auf die frischen Saaten aus – jeder Halm hat am Ende ein Getreidekorn! Ernteverluste klagen dann die Bauern beim Naturschutz ein. Zur Vermeidung der Kollision zwischen Wildtier und Bauer, wird Mais auf den Stoppelfeldern in der bevorzugten Kranichzug-Region ausgestreut, sogenannte Ablenkfütterung. Sehr wichtig, dass die störungssensiblen Kraniche nicht durch unnützes Flüchten Energieverluste erleiden.

Auf der Rückfahrt werfen wir einen Blick in die einladend geöffnete, gotische Dorfkirche von Mohrdorf. Am südlichen Rand des Barther Boddens liegt das Städtchen Barth mit seiner imposanten gotischen Marienkirche, die z.Z. restauriert wird. Ihr schlanker, über die Boddengewässer weit sichtbarer Turm diente den Boddenschiffern als orientierendes Seezeichen. Barth liegt südlich der schmalen Verbindung zwischen Darß und Festland. „Aus grauer Städte Mauern …“ haben die Stadthäuser durch finanzielle Zuwendungen in der Nachwendezeit ein freundliches, z.T. historisches Gesicht wiederbekommen. In Prerow zurück, war noch Zeit für einen Besuch in der, am östlichen Ortsrand gelegenen, historisch interessanten Seemannskirche und ebenso des umgebenden Friedhofs. Sie ist durch den alten Baumbestand von der Straße kaum sichtbar.

Das Highlight für Naturliebhaber wurde uns am letzten Urlaubstag zuteil: Jenseits des Ortes Zingst zwischen Ostsee und Großer Wiek (Bodden) dehnt sich etwa 10 km das Naturschutzgebiet Sundische Wiese aus. An ihrem östlichsten Punkt Pramort sind mehre Beobachtungsstände. Nach Abstellen der Pkw’s, sind etwa 200 m Distanz bis zum Nabu-Kontrollpunkt, wo man täglich ab 15:00 Uhr eine Nationalpark-Card, von limitierten 80 Karten, für 5,00 € erwerben kann. Sie berechtigt jeweils bis 19:00 Uhr zum Aufenthalt auf der Beobachtungsstation. Diese 8 km sind nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewältigen. In genau östlicher Richtung, im Kampf gegen die steife Brise, konnten wir als „Windschatten“ einen vorausfahrenden Sportfreund auf seinem E-Bike gewinnen.

Welch‘ ein phantastisches Naturerlebnis vom Beobachtungsturm Pramort, anfangs noch ohne Kraniche: Im hohen Gras äsen zahlreiche Rotwildkühe, bewacht vom stolzen Platzhirsch mit seinem imposanten Geweih. Am äußeren Rand der Herde streift ein zweiter, nicht weniger attraktiver Hirsch durch das Gelände. Zeitweise ist hinter hohem Schilf nur die Bewegung des Geweihes zu erkennen. Sein Brunftgebrüll trägt der Wind von uns fort, ist aber an seiner typischen Kopfhaltung und seinem offenen Maul zu erkennen. Zwischen dem friedlich grasenden Rotwild mehrere schneeweiße Silberreiher, die sich etwa seit dem Jahre 2000 zunehmend in nördlicher Richtung ausbreiten. Immer wieder geht der Blick erwartungsvoll landeinwärts, von wo wir die Ankunft der Kraniche erwarten. Da, auf einer Wiese im Vordergrund eine Wildschweinrotte und bei geduldigem Suchen durch das Fernglas, entdecken wir auch, in einem Graben stehend, einzelne Kraniche. Ein Kranichschwarm überfliegt uns in nördlicher Richtung, setzt schon zur Landung an, gerät aber plötzlich durcheinander, steigt wieder auf und dreht in westlicher Richtung ab. Was hat sie irritiert? Zwischen dem Rotwild entdecken wir (durch das Fernrohr des Rangers) zwei herrliche Exemplare von Seeadlern! Immer mehr Kraniche landen in den flachen Gewässern der Sundischen Wiese, von dem Hirsch, der durch das Wasser streift, lassen sie sich nicht stören. Die Kraniche verbringen die Nacht möglichst in flachen Gewässern, auf einem Bein stehend (energiesparend), vor dem Fuchs sicher, da er mit seinen kurzen Beinen das Wasser nicht durchlaufen kann. Wieder gelegentliche Gruppen von Graugänsen dazwischen. Von 19:00 Uhr abends bis 8:00 Uhr früh herrscht Nachtruhe. Der Ranger sorgt dafür, dass alle Naturfreunde das sensible Gebiet verlassen. Trotz aller Begeisterung, hat unsere Gruppe es eilig, und der Rückenwind lässt uns fast fliegen: 8 km in 15 Minuten = 32 h/km! Wir werden im Hotel zum Abendessen erwartet.

Eine gelungene, von der Sonne erwärmte Ferienwoche, in interessanter, vielseitiger Landschaft, geht zu Ende. Wir fühlten uns wohl in einem gemütlichen Hotel mit einer liebenswerten, immer freundlichen Chefin und ihrem Personal, das unsere gelegentlichen Verzögerungen ihres Feierabends mit unverminderter Freundlichkeit erduldete, zusätzlich verwöhnte uns der Küchenchef. Am Abreisetag und zum endgültigen Abschluss der Reise erlebten wir im Garten des Darß-Museums Prerow einen niveauvollen, vielseitigen Kunstmarkt (immer am 3. Wochenende im September, von Künstlern aus Mecklenburg-Vorpommern gestaltet) zum Schauen und Kaufen.

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